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Heidenheimer Zeitung Samstag 27-04-2019

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Wochenende Noise weekly

Wochenende Noise weekly 43 Whild bzw. WhildStage heißt mit anderen und für andere schöne Momente und Erinnerungen zu schaffen und Liebe zu verbreiten. WhildStage verbindet! Reika Nowak, 18 Rabea Hayd, 21 Das Leben ist Whild, wenn du lernst dich in Liebe selbst zu Verwirklichen. Florian Görlitz, 23 Das Whildstage Kollektiv ermöglicht es allen sich kreativ und visionär auszuleben. Jonas Trittler, 23

Wochenende 44 Magazin Mein Freund, der Gesang Trend und Massenbewegung: Rund drei Millionen Sänger proben in Deutschland jede Woche, wie etwa der Männerchor „Mann-o-mann. Foto: Christian Thumm Singen tut Geist und Körper gut, das stellte Charles Darwin schon vor 200 Jahren fest. Der klassische Gesangverein ist allerdings auf dem Rückzug, Sopran, Alt und Bass treffen sich stattdessen zum entspannten Musizieren im Pop-, Gospel- oder auch im Kneipenchor. Huuuu-uh-uh . . . Havana, ohhh nanana . . . my heart is in Havana“, schallt es aus dem Proberaum des Ulmer Chors Choriosity. Am liebsten würde man zu der Pentatonix-Version des 2018- Hits von Camila Cabello sofort anfangen, Salsa zu tanzen. Den Latin-Rhythmus formen Schlagzeug, Klangstäbe und karibische Maracas-Rasseln. Doch Instrumente sind nirgendwo zu sehen, sie sind hier selbst gemacht. Aus Kehlkopf, Zunge, Lippen und Stimmbändern der rund 120 Sänger und Sängerinnen: a cappella. Das Stück beginnt lässig, die kubanische Sonne vertreibt die abendliche Kälte und bringt Wärme in den Raum, in dem nach ein paar Takten jeder mit seinen Hüften wackelt. Seit sechs Jahren gibt es Choriosity. Der Andrang an Interessierten, die mitmachen wollen, ist mittlerweile so groß, dass man mindestens ein Jahr warten muss, bis es soweit ist. Meist kann erst jemand nachrücken, wenn sich ein anderer wegen Studium oder Job verabschiedet. Die meisten der Sänger sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Der Ulmer Pop-Chor hat innerhalb kürzester Zeit Furore gemacht, ausverkaufte Konzertsäle sind normal, Kirchen werden zu „Music Halls“. Der Dirigent Martin Winter bewegt sich, als stünde er auf der Tanzfläche in einem Club, dirigiert raumgreifend, exzentrisch, leidenschaftlich. Die Sänger geben alles, wenn sie Hits herüberbringen als wäre jedes einzelne ihr Lieblingslied: das ergreifende „Take Me To Church“ von Hozier, das ausschweifende „Chandelier“ von Sia, Michael Jacksons „Man In The Mirror“ oder das energiegeladene „Don’t Stop Me Now“ von Queen. Choriosity ist kein Einzelphänomen: Singen greift um sich, ist Trend und Massenbewegung, auch wenn die Zahl der klassischen Gesangvereine hierzulande rückläufig ist. Rund drei Millionen Menschen in Deutschland proben jede Woche in Pop-, Uni-, und Gospelchören oder für einen bestimmten Zeitraum in Projektchören. Seit ein paar Jahren entstehen in größeren Städten wie Berlin, Hamburg, Bremen, Köln und München auch Kneipenchöre. Singen, ob gemeinsam oder alleine, beim Autofahren, Duschen oder Kochen: Es entspannt Körper und Geist und macht glücklich. Wer seinen Kehlkopf in Schwingungen versetzt und die Stimme aufdreht, fühlt sich wohl. „Singende Menschen sind in der Regel lebenszufriedener, ausgeglichener und besitzen mehr Selbstbewusstsein als Nichtsänger“, sagt der Oldenburger Musikpsychologe Gunter Kreutz. Sie schauten positiver auf sich und ihre Umgebung. Neuere Studien haben nachgewiesen, dass sich beim Singen Synapsen im Gehirn neu verbinden, es hält also geistig fit. Und schon nach 30 Minuten Singen hat unser Körper viele wichtige Glücks- und Motivationshormone wie Endorphin, Serotonin und Noradrenalin produziert. Gleichzeitig wird Stress abgebaut. Wissenschaftler des Musikpädagogik-Instituts der Universität Frankfurt schauten sich Speichelproben von Kirchenchor-Mitgliedern an, die das Requiem von Mozart sangen. Nach der Probe war die Anzahl der Immunglobuline A, die Krankheiten bekämpfen, stark gestiegen. Wenn die Probanden Mozarts Musik nur auf CD hörten, blieb die Antikörper-Anzahl unverändert. Während des Singens stärken wir zudem Lungen und Rumpfmuskulatur. Nebenbei haben auch unsere Mitmenschen was davon: Singende verhalten sich Untersuchungen zufolge sozial verantwortlicher und sind psychisch belastbarer als Nicht-Sänger. Gunter Kreutz bedauert deshalb, dass es immer wieder Menschen gibt, die beteuern: Ich kann nicht singen. „Wenn man als Kind erfährt, man sei unmusikalisch oder singe falsch, wirkt sich das auf das Selbstbild aus. Es dauert oft Jahrzehnte, um diese Fehlsteuerung aufzulösen, bis derjenige erkennt, dass seine Musikalität und Stimme völlig normal sind.“ Kreutz ist überzeugt, dass ein Bildungssystem, das auf Erfahrungen und weniger auf Richtig oder Falsch setzt, im Vorteil ist: „Kulturelle Techniken wollen erlebt und erobert werden.“ In Skandinavien etwa werde an den Schulen mehr gesungen als hierzulande. Singen ist etwas Natürliches für den Menschen. Zumindest, seit er aufrecht auf seinen zwei Beinen gehen kann. „Erst dann konnten sich Resonanzräume und Kehlkopf entwickeln“, sagt Kreutz. Ob der Mensch zuerst gesprochen oder gesungen hat, sei eine schwer lösbare Frage. „Beides hängt zusammen, daher ist schwer zu glauben, dass Singen nur den Alltag verschönert hat.“ Singen sei soziale Kunst und von Anfang an Teil unserer Kultur gewesen. Der französische Philosoph Jean-Jaques Rousseau glaubte, Gesang habe sich aus leidenschaftlichem, erregtem Sprechen entwickelt. Sein griechischer Kollege Platon fragte sich schon 2000 Jahre vorher, ob es nicht Gefühle wie Aggression oder das Bedürfnis nach sozialer Harmonie seien, die den Menschen zum Singen brächten. Eine Überzeugung anderer Art hatte Charles Darwin, der berühmte Evolutionsforscher: Der gute Sänger habe Vorteile bei der Partnerwahl. Für ihn war daher logisch: Singen ist sexy, weil es auf gute Gene hindeutet. Das hätten die Menschen aus der Tierwelt übernommen. Kreutz mag das Bild der Vögel, die sich gegenseitig mit großem Engagement bezirzen. Er findet: „Jeder junge Mann sollte in der Lage sein, seiner Angebeteten etwas vorzusingen.“ Wie die Minnesänger im Mittelalter, die Jeder junge Mann sollte in der Lage sein, der Angebeteten etwas vorzusingen. Gunter Kreutz, Musikpädagoge die Geliebte mit Liedern und Laute zu beeindrucken versuchten – peinlicher Auftritt hin oder her. Auf den Mut, aus sich herauszugehen, kam es an. Sicher ist, dass Gesang bereits in den frühen Stunden der Menschheit eine zentrale Rolle spielte: zur Abschreckung von Raubtieren, im Wettbewerb innerhalb der Art und um den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken – etwa, wenn man ums Feuer saß oder arbeitete. Die Sklaven auf den Tabak- und Baumwollplantagen in Amerika ertrugen ihr Leid durch gemeinsames Singen etwas leichter. Es entstand ein riesiges Gospelrepertoire, dessen Lieder Stolz, Kraft und Schmerz transportieren. Noch heute identifizieren sich Menschen durch gemeinsames Liedgut mit ihrem Stamm, mit Menschen derselben Religion, mit anderen Konzertbesuchern oder Fußballfans. Bei Weltmeisterschaften singen selbst gewöhnlich schweigsame Zeitgenossen die Hymne, die sie mit Ihresgleichen verbindet. Kreutz warnt aber: „Synchronisation zwischen Menschen verheißt nichts Gutes, wenn etwa Soldaten singend in den Krieg ziehen. Oder Rechtsradikale die beflügelnde Kraft des gemeinsamen Singens missbrauchen.“ Nicht zufällig war das Singen deutscher Volkslieder etwa im Nationalsozialismus besonders populär. Noch 1962 beklagte der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke: „Es scheint mir bezeichnend für die innere Verfassung unseres Volkes zu sein, dass es bei uns noch nicht wieder zu einem neuen vaterländischen Singen gekommen ist.“ Die nachwachsende Generation hatte damit weniger im Sinn. Identitätsstiftendes Liedgut prägt zwar auch die jüngste Geschichte, hat aber eine stark sozial-romantische Komponente und ist weit davon entfernt, Volk und Vaterland zu verherrlichen. Die Nachkriegsgeneration sang etwa mit Joan Baez „We Shall Overcome“, mit John Lennon „Imagine“ oder mit Bob Dylan „Blowin’ In The Wind“. Den Mauerfall begleitete das melancholische „Wind Of Change“ von den Scorpions. Was gemeinsames Singen heute bedeutet und bewirken kann, ist jeden Donnerstag in der Favorit-Bar, unweit des Sendlinger Tors in München, zu hören. Lisa Reuter hat den Kneipenchor vor fünf Jahren gegründet. Dahinter steckte ihre Sehnsucht nach einem Chor mit entspannten Menschen, die in lockerer Atmosphäre coole Lieder singen. Inzwischen singen fast 50 Leute Lieder wie „Out Of Space“ von The Prodigy, „Space Audity“ von David Bowie oder, auf Oberbayerisch, „Die Wäsche“ der Band Kofelgschroa. „,Die Wäsche’ singen wir achtstimmig“, sagt Lisa Reuter, da bekomme ich immer wieder Gänsehaut, manchmal rührt es mich zu Tränen.“ Ähnlich ergeht es ihr, wenn nach wochenlanger Arbeit ein Lied plötzlich sitzt. „Dann macht das einfach nur glücklich.“ Wochen davor war der Chor gemeinsam die Notenzeilen auf- und abgestiegen, hatte über schiefe Töne hinweg gegrinst, auseinandergedriftete Stimmen zusammengeführt. Wenn dann alle wie ein einziger Körper klingen, wenn Alt und Bass dem Sopran den Weg für die Melodie bereiten, um kurze Zeit später selbst in den Vordergrund zu treten, während der Sopran stattdessen abtaucht – dann ist Sängern und Zuhörern klar: Der Gesang führt nicht nur Stimmen zueinander, sondern Menschen. Er bedeutet auch Freundschaft. Isabella Hafner

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